Polizeigewalt in Jamaika - Ein Reisebericht

Polizeigewalt in Jamaika – Ein Reisebericht

Montego Bay, Jamaika. 28.07.2012. Ortszeit: 9 Uhr. Verschlafen und eindeutig noch zu träge laufe ich die Mount Salem Road Richtung Cormwell Regional Hospital entlang, um meine erste Handlung als mehr oder weniger mündiger Reisender zu begehen: Geld abheben. (Dass sich der einzige Geldautomat des Viertels am Haupteingang des örtlichen Krankenhauses befindet, lässt mich erahnen, wie unselbstverständlich eine gute Krankenversicherung in diesem Land ist.)


Jede Minute knattert hupend und werbend ein energischer Taxifahrer an mir vorbei, um mich auf seine Fahrtdienste aufmerksam zu machen. In einem noch etwas unaufgewärmten Englisch, erkläre ich ebenfalls jede Minute, dass ich die Stadt gerne zu Fuß kennen lernen möchte und sowieso nur zum Krankenhaus muss. Meistens geht mein Erklärungsversuch in Motorengeräusch oder dem Hupen anderer werbender Taxifahrer unter.

Doch der erste glückliche Moment dieser Reise lässt nicht lange auf sich warten

Der vierte Fahrer versteht mich offensichtlich. Die Freude hält aber nur kurz: Umgehend auf die erfolgte Erklärung, zeichnet sich reines Unverständnis auf seinem Gesicht ab. Lektion 1: Man läuft hier nicht, sondern nimmt ein günstiges Taxi für fünf US-Dollar (4 Stunden später erfahre ich, dass man höchstens einen Dollar zahlt). Lektion 2: Ich bin Reisender, weiß und deshalb reich. Ich soll nicht am Essentiellsten sparen. Lektion 3: In dieser Straße gibt es nichts zu sehen… Der beißende Gestank der neben mir liegenden Müllsäcke macht es mir schwer dem zu widersprechen. Dennoch bestehe ich darauf weiterzulaufen, sei es aus Prinzip oder aus Vorsicht: Ich bin ein wahrer Backpacker, denke ich mir. Trotz der frühen Stunde macht mir die tropische Hitze ordentlich zu schaffen. Heute wie in den nächsten zehn Tagen wird das Thermometer stur über die 35°Celsius Marke klettern. Im Juli und August kann man in Jamaika am besten schwitzen. Das verlockende Klima, die einzigartige Flora und Fauna, sowie der linguistisch ziemlich reizvolle jamaikanisch-kreolische Dialekt Patois (bis zum Schluss rechne ich ständig damit, dass eine Reggae-Band plötzlich einsetzt könnte, um meinen Gesprächspartner zu begleiten) sind eine hervorragende Basis um zu vertuschen, dass mich schlichtweg der günstigste Flug nach Jamaika verschlagen hat, um anschließend nach Kolumbien weiterzureisen.

Neben einem ersten Kennenlernen dieser Karibikinsel werde ich aber auch versuchen die Schattenseiten von Jamaika besser zu verstehen. Jamaika ist nicht nur ist das Land kollektiver Coolness, Kiffen, von Bob Marley, Reaggea und Ska, sondern erfährt nach wie vor unrühmliche Bekanntheit aufgrund einer der höchsten Mordraten der Welt. Allein zwischen 2005 und 2007 kamen bei einer Gesamtbevölkerung von 2,6 Millionen mehr als 4.500 Menschen gewaltsam zu Tode. Das ist das 60-fache der Mordrate in Österreich (amnesty international (ai), 2009). Mindestens genauso erschreckend ist, dass die Polizei für zahlreiche Tötungen – einschließlich außergerichtlicher Hinrichtungen – verantwortlich zu sein scheint. Im Jahr 2011, wurde jeder fünfte gewaltsame Tod in Jamaika durch eine Polizeiwaffe verursacht (Jamaicans for Justice, 2011). Am stärksten betroffen von der allgegenwärtigen Gewalt sind die BewohnerInnen der innerstädtischen Armenviertel, welche sich in den drei größten Städten Spanish Town, Montego Bay und Kingston befinden.
Am nächsten Tag beschließe ich spazieren zu gehen

Mein Tagesziel ist der Strand im Norden der Stadt. Am letzten Kreisverkehr, den ich auf dem kürzesten Weg überquere, kommt mir wie so oft in den letzten zwei Tagen ein Jamaikaner mit offenen Armen entgegen und fragt nach meinem Namen. Da ich inzwischen gelernt habe, dass ich mich zumindest in dieser touristischen Gegend als Geldautomat reduziert fühlen darf, winke ich nur ab und erwähne beiläufig, dass ich ganz gerne weiter gehen würde. Empört werde ich gefragt ob ich denn keinen Respekt habe. Ich erkläre kurz, dass das nichts mit ihm zu tun hat, ich es aber inzwischen Leid bin ständig nach Geld gefragt zu werden oder dazu eingeladen werde das gefühlt 50-fache für irgendwelche Dinge zahlen zu sollen, die ich nicht brauche. Wir kommen kurz ins Gespräch. Er, Thomas, kommt aus dieser Gegend und stellt mir umgehend seinen Freund, Leroy, vor, den ich erst jetzt bemerke. Nach der inzwischen recht vertrauten Frage, ob ich „weed“ oder irgendwelche anderen Drogen kaufen möchte, wird das Gespräch ein wenig angenehmer. Ich entschließe mich die beiden als erste Interviewpartner zu gewinnen. Sie schlagen mir vor gemeinsam spazieren zu gehen. Die Tatsache, dass beide scheinbar schon den ganzen Tag auf dieser Verkehrsinsel auf irgendetwas warten, macht mich skeptisch.

Nicht nur die etwas übervorsichtig wirkenden Reisetipps des Auswärtigen Amtes weisen darauf hin, dass in den touristischen Zentren der Hauptstädte Diebstähle bzw. bewaffneter Raub mit Körperverletzung im Zusammenhang mit Marihuanakonsum und -handel an der Tagesordnung sind. Dass häufig junge Touristen davon betroffen sind, erklärt die innere Vorsicht, die ich schon zu Beginn der Reise an den Tag lege. Nach ein paar Minuten möchte mir Leroy etwas zu trinken in einer Bar kaufen. Ich lehne freundlich ab, lasse mich aber auf eine geschlossene Flasche Softdrink ein, da er weiterhin darauf besteht mich einladen zu wollen. Immer wieder prüfe ich den Ort und die Straße, in der wir uns befinden. Immer wieder lehne ich ab, in zu kleine Seitenstraßen gehen zu wollen. Leroy fängt plötzlich an mir überraschend viele Details zur Geschichte dieser Stadt zu erzählen. Ein paar Minuten später befinde ich mich auf einem Friedhof direkt vor der berühmtesten Kirche Montego Bays. Leroy bleibt stehen und erklärt mir: „Weisst Du Julian, wir selber haben nicht viel Geld, eine große Familie und für Fremdenführer musst Du ja auch Geld zahlen. Normalerweise geben uns Touristen jeweils 20 US-Dollar. Ich bin froh darauf bestanden zu haben abgelegene Wege zu meiden. Das Kindergeschrei eines sich in der Nähe befindenen Kindergartens, macht mir Mut nicht klein beizugeben. „Erstens habt ihr zu Beginn dieses zehnminütigen Spaziergangs beide nicht erwähnt, dass ihr Geld für irgendetwas bekommen wollt. Zweitens, habe ich praktisch kein Geld dabei und dieser Preis ist eindeutig zu hoch, da ich trotz meiner Hautfarbe nicht gerade sehr wohlhabend bin. Ehrlich gesagt fühle ich mich gerade nicht sehr wohl.“ Sie ziehen automatisch ihre recht weiten Hemden nach oben, um mir zu zeigen, dass sie keine Waffen bei sich tragen. Die Selbstverständlichkeit dieser Handlung beruhigt mich keineswegs. Scheinbar ist das Mitführen von Waffen in dieser Gegend selbstverständlicher als ich dachte. Sie betonen zu den „good guys“ zu gehören und nichts mit schmutzigen Geschäften zu tun zu haben. Nach kurzer Zeit gebe ich ihnen jeweils umgerechnet zwei US-Dollar. Sie scheinen damit nicht vollkommen unzufrieden zu sein.

Ich fasse ein wenig Mut und frage woher sie ursprünglich kommen. „Aus dem Ghetto, aber wir sind da rausgekommen.“ Thomas grunzt zustimmend, der erste Ton überhaupt den er von sich gegeben seit wir zu dritt sind. Über die Polizei wollen sie nicht reden. Nur so viel: „Viele im Ghetto machen denen ein hartes Leben.“ Überraschend ist, dass sie keinerlei Respekt für diejenigen zu haben scheinen, die es nicht aus den Armenvierteln „schaffen“, auch wenn es sich um enge Familienmitglieder handelt. Das sei deren eigene Verantwortung und somit deren eigenes Problem. Jeder sei für sich selbst verantwortlich. Ein sehr amerikanischer Gedanke.

Cecilia, die Sekretärin in einer Bungalowanlage in der touristischen Hochburg Negril, bestätigt mir, dass Polizeigewalt sich vor allem in den drei größten Städten konzentriert. Sie betont den Ausnahmecharakter dieses Problems. „Die meisten Jamaikaner arbeiten hart und führen ein ganz normales Leben“. Kenroy, ein Nachtwächter in meinem Alter erklärt sich die hohe Kriminalität mit den steigenden Preisen aufgrund der vielen Touristen. „Für dich sind das vielleicht normale Preise, für die meisten jungen Leute hier ist vieles unbezahlbar geworden.“ Dieser Effekt kann zwar viel der Kleinkriminalität in Touristenzentren erklären, die Gewaltspirale in Kingston und Spanishtown wird dadurch allerdings nicht verständlicher. In die Armenviertel kommt kein Tourist. Selbst die meisten Jamaikaner meiden diese Viertel.
Lässt sich die exzessive Polizeigewalt durch eine ‚ständig lauernde Gefahr‘ in Armenvierteln erklären, durch eine den Polizisten entgegenschlagende Brutalität?

Oder gibt es andere Gründe für die traurigen Rekorde. Nach ein paar Tagen sorgfältiger Überlegung beschließe ich in ein sogenanntes Armenviertel in Kingston für ein paar Tage zu fahren. Hierfür kontaktiere ich Phillip, einen Reggae-Musiker aus Fletchers Land, einem Kingstoner Viertel mit zweifelhaftem Ruf. Ich treffe ihn am zentralen Busbahnhof, von wo er mich in seinem Auto mit nach Hause nimmt. Auf die Frage hin ob ich mich in seinem Viertel sicher fühlen darf und frei bewegen kann, antwortet er nur: „Ich kenn‘ hier viel zu viele Leute. Niemand würde sich trauen Dir was anzutun.“ Tatsächlich halten wir alle drei Meter auf der Fahrt an, um irgendjemanden zu grüßen. „Merk Dir eins: Ich bin nichts anderes als ein Politiker, ich stelle mich mit allen Menschen hier gut. Deswegen habe ich keine Probleme.“ Phillip wohnt zusammen mit seinen Kindern in einer kreativen Mischung aus Holz- und Wellblechhütte. Der verdreckte kleine Innenhof ist Gemeinschaftsraum für Alles, um den sich Dusche, WC und Kinderzimmer reihen. Seine Familie, das sind Phillip und seine drei großartigen Kindern, die sich eine vergilbte Matratze in einem sechs Quadratmeter großen Zimmer teilen in dem Tag und Nacht eine alte Klimaanlage rattert. In den wenigen ruhigen Momenten, die ich mit Phillip habe, versuche ich auch mit ihm über Polizeigewalt zu sprechen. Er zeigt auf ein Loch oben in der Wand und fragt mich: „Siehst Du das? Das ist ein Einschussloch eines Scharfschützens von vor zwei Jahren. Im Mai 2010 lieferten sich Anhänger von Christopher „Dudus“ Coke, einem mutmaßlichen Drogenhändler, heftige Kämpfe mit der Polizei. Coke sollte an die USA ausgeliefert werden, wo im lebenslange Haft droht. Nach Behördenangaben kamen allein am 26. Mai 2010 73 Menschen im Viertel Tivoli Gardens (einem benachbarten Viertel von Fletchers Land) um, als Sicherheitskräfte Coke aufspüren wollten. Als ich Phillip die offiziellen Zahlen nenne, lacht er nur. „Das waren hunderte Tote. Während des Einsatzes haben Scharfschützen auf alles geschossen was sich bewegt hat. Auch auf Kinder und Frauen. Die werden natürlich nicht mitgezählt. Ich selber habe viele Freunde verloren.“ Als Reaktion auf den Angriff auf drei Polizeistationen wurde schließlich der Ausnahmezustand in Teilen von Kingston ausgerufen.

Dieses Beispiel ist ein sicher ein Extremes

Zwei Dinge werden dadurch allerdings ein wenig klarer: Erstens, Polizeikräfte gehen nur in Armenviertel wenn es unbedingt nötig ist. Das Phänomen staatlicher Ersatzstrukturen ist Grund sowie Folge der Abwesenheit staatlicher Sicherheitskräfte. Zweitens, zwischen BewohnerInnen von Armenvierteln und Sicherheitskräften herrscht eine Kultur der Angst. Die Androhung von Gewalt dient vor allem dazu sich Respekt zu verschaffen, um so die eigene Sicherheit zu garantieren. Nur eine Minderheit der Bevölkerung der ärmeren Stadtteile sind Gang-Mitglieder. Dennoch haftet allen BewohnerInnen dieser Viertel das Stigma der Kriminalität an (ai, 2009). Die Meisten haben nicht viel mehr als das eigene enge soziale Netzwerk: Freunde und Familie. Um dieses zu beschützen oder eben zu rächen, wird viel, oft zu viel, in Kauf genommen. Das erklärt warum ich mich in Fletchers Land völlig ungestört bewegen kann. Das erklärt warum die Polizei so viel Angst vor Racheaktionen derjenigen hat, die durch Polizeieinsätze Freunde oder Familie verloren haben. Niemand hier vergisst den Tod eines Freundes. Nährboden für gegenseitiges Misstrauen und Gewaltbereitschaft ist mehr als reichlich vorhanden. Mit Vorwürfen konfrontiert sieht sich vor allem die Jamaican Constabulary Force (JCF), hauptverantwortlich für die Verbrechensbekämpfung. Neben zahllosen Berichten über Übergriffe dieser Einheit schwebt auch der Vorwurf außergerichtlicher Hinrichtungen in der Luft. Das Hauptproblem für die vielen unaufgeklärten Fälle liegt vor allem in der schwachen Stellung der Einwohner von Armenvierteln. Obwohl die meisten BewohnerInnen von Armenvierteln selber Opfer von Verbrechen sind, werden sie ständig mit Vorurteilen und Diskriminierung seitens der Polizei konfrontiert. „Schlampige Ermittlungen, Korruption und ein lückenhaftes Justizsystem garantieren geradezu, dass die betroffenen Polizisten straffrei davonkommen“(ai, 2009). Gleiches gilt jedoch auch für Kriminelle: Die Aufklärungs- und Verurteilungsrate bei Morden ist erschreckend gering. Philip sagt dazu: „Für Dich bedeutet Polizei Sicherheit. Wenn ich einen Streifenwagen sehe, versuche ich, falls möglich, die Straße zu verlassen.“ Hinzu kommt, dass bei organisierter Kriminalität Politik oft die Finger mit im Spiel hat. Christopher „Dudus“ Coke hatte nur deshalb so lange freies Spiel, da er höchstwahrscheinlich sehr gute Kontakte zur Jamaican Labour Party, eine der zwei großen Volksparteien, pflegte. Coke konnte frei in seinen Vierteln walten. Im Gegenzug sorgte er für ‚Recht und Ordnung‘, vor allem aber für Wählerstimmen. Coke galt als sehr beliebt, da er gerade für arme Kinder, Schulbesuche ermöglichte, Nahrungsmittel kaufte und als Schlichter fungierte. Als der Druck der USA zu groß wurde lies die Politik ihn fallen.

Die Verhaftung von Coke ist kein Einzelfall

Immer wieder entsteht auf diese Weise ein Machtvakuum, welches den Alltag aller Menschen in Armenvierteln unsicherer macht. Am letzten Tag auf dem Weg zurück zum Busbahnhof frage ich Phillip warum er trotz der Widrigkeiten hier mit seinen Kindern bleiben will. Ohne lange zu überlegen antwortet er: „ Ich habe hier schon immer gelebt, hier leben meine Freunde und meine Familie. Das hier ist zwar ein Dschungel, aber ich bin Tarzan!“ Er lacht kurz und fast trotzig, lässt seine Worte genüsslich nachhallen. Wie so oft in den letzten zwei Tagen meine ich ihn aber dabei zu ertappen, wie er flüchtig einen nachdenklichen Blick auf die Straße wirft

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